
IZW-Pressemitteilung
Paradigmenwechsel in der Energieversorgung: Wenn sich die Industrie nach dem Stromangebot richten soll
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Autorin / Autor
Andrea Thoma-Böck
Präsidentin der Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland e. V.
Inhaltsverzeichnis
Über Jahrzehnte war eine verlässliche und planbare Energieversorgung eine wesentliche Grundlage industrieller Wertschöpfung. Unternehmen investierten in Anlagen, planten Schichten, kalkulierten Produktionskosten und gaben ihren Kunden Preise und Liefertermine – in der Erwartung, dass die dafür benötigte Energie verfügbar ist.
Dieses Grundprinzip verändert sich. Mit dem wachsenden Anteil wetterabhängiger Stromerzeugung schwanken Stromangebot und Börsenpreise stärker. Gleichzeitig sollen Verbraucher ihren Strombezug künftig zunehmend daran ausrichten, wann Strom verfügbar, günstig oder netzdienlich ist.
Ein neuer Fachbeitrag der Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland e. V. (IZW) analysiert diesen Paradigmenwechsel aus energiewirtschaftlicher und unternehmerischer Perspektive. Die Energieexperten Dr. Robert Koch und Mustafa Sahin zeigen in „Das Dilemma deutscher Unternehmen mit der Energiewende“, welche Folgen zunehmende Volatilität und neue Flexibilitätsanforderungen für Strombeschaffung, Produktionsplanung und Wettbewerbsfähigkeit haben.
Für die IZW geht es dabei um eine Grundsatzfrage: Richtet sich das Energiesystem künftig nach den Bedürfnissen von Wirtschaft und Gesellschaft – oder müssen sich Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend nach der Verfügbarkeit von Energie richten?
Noch vor 25 Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir in Deutschland einmal ernsthaft darüber diskutieren, ob sich Unternehmen nach der Verfügbarkeit von Strom richten müssen. Heute wird genau dieser Paradigmenwechsel zunehmend vorausgesetzt. Eine Industrienation braucht ein Energiesystem, auf das Unternehmen ihre Produktion aufbauen können – nicht umgekehrt.
Andrea Thoma-Böck, Präsidentin der IZW
Aus Flexibilität wird wirtschaftlicher Anpassungsdruck
Flexibilität kann sinnvoll sein, wenn Produktionsprozesse technisch dafür geeignet sind und sie sich wirtschaftlich rechnet. Doch zahlreiche industrielle Prozesse lassen sich nicht beliebig unterbrechen, verschieben oder wieder hochfahren. Anlagen sind auf bestimmte Laufzeiten und Auslastungen ausgelegt, Produktionsschritte greifen ineinander, Kunden erwarten feste Liefertermine und Beschäftigte benötigen planbare Arbeitszeiten.
Gleichzeitig wird Flexibilität zunehmend zum Gestaltungsprinzip des Stromsystems. Dynamischere Preis- und Netzentgeltsignale sollen Verbrauch stärker an die jeweilige Strom- und Netzsituation koppeln. Damit entsteht ein wirtschaftlicher Anpassungsdruck, der auch Unternehmen trifft, deren Prozesse diese Flexibilität gar nicht hergeben.
Wer technisch nicht flexibilisieren kann, darf daraus keinen strukturellen Standortnachteil erleiden.
Gerade die laufende Reform der Netzentgelte (AgNes) zeigt, wie weit die neue Flexibilitätslogik bereits in die Regulierung hineinreicht. Aus Sicht der IZW hätten ihre betrieblichen Folgen frühzeitig mit der industriellen Praxis geprüft werden müssen. Umso wichtiger ist es, sie jetzt konsequent einzubeziehen.
Technisch mögliche Flexibilität ist noch lange keine wirtschaftlich nutzbare Flexibilität. Entscheidend ist, zu welchem Preis und für welche Dauer Last verschoben werden kann – und welche Folgen das für Produktion, Beschaffung und Auslastung hat. Ein kurzfristig günstigerer Strompreis ist noch lange kein wettbewerbsfähiger Strompreis.
Mustafa Sahin, Energieexperte und Mitautor
Die Unternehmen sollen die Volatilität des Systems auffangen
Der Fachbeitrag beschreibt eine zunehmende Verlagerung von Preis- und Mengenrisiken auf die Abnehmerseite. Unternehmen müssen entscheiden, welche Strommengen sie langfristig absichern, welche sie kurzfristig beschaffen und welche Produktion sie überhaupt verschieben können. Gleichzeitig müssen sie Kundenpreise kalkulieren, Lieferzusagen einhalten und Investitionen über Jahre bewerten.
Die Dimension des Systemumbaus ist enorm: Energiesystemkosten werden langfristig in Billionenhöhe diskutiert. Aus Sicht der IZW darf die Konsequenz daraus nicht sein, zusätzlich auch die Volatilität des umgebauten Systems in die Produktionsprozesse der Unternehmen zu verlagern.
Ein Stromsystem muss Erzeugung und Verbrauch jederzeit zusammenbringen. Flexibilität auf der Nachfrageseite kann dazu beitragen. Sie hat aber technische, zeitliche und wirtschaftliche Grenzen. Diese Grenzen müssen realistisch berücksichtigt werden – theoretisches Flexibilitätspotenzial allein darf nicht zum Abbau gesicherter Erzeugungsleistung führen.
Dr. Robert Koch, Energieexperte und Mitautor
Flexibilität ist keine gesicherte Leistung
Besonders kritisch sieht die IZW, wenn theoretisch ermittelte Flexibilitätspotenziale rechnerisch in Relation zu gesicherter Kraftwerksleistung gesetzt werden. Ein Megawatt theoretisch verschiebbare Industrielast ist kein Megawatt jederzeit verfügbare Leistung.
Billionen für den Umbau unseres Energiesystems – und am Ende sollen sich die Unternehmen auch noch danach richten, wann Strom verfügbar ist. Die Wirtschaft trägt nicht nur die Kosten des Umbaus. Zunehmend soll sie auch die Volatilität des Systems in ihren Produktionsprozessen auffangen. Das kann kein tragfähiges Modell für eine Industrienation sein.
Andrea Thoma-Böck, Präsidentin der IZW
Ob ein Unternehmen im entscheidenden Moment tatsächlich Last reduzieren oder verschieben kann, hängt von Auftragseingang, laufendem Prozess, Vorlaufzeit, Dauer, Personal, Qualitätsanforderungen, Wiederanfahrkosten und Wirtschaftlichkeit ab. Technische Flexibilität, wirtschaftlich nutzbare Flexibilität und verlässlich verfügbare Leistung sind deshalb drei unterschiedliche Größen.
IZW: Versorgungssicherheit bleibt Voraussetzung für Industrie
Die IZW warnt davor, Flexibilität zur Antwort auf fehlende Planbarkeit oder gesicherte Leistung zu machen. Ein Industriestandort muss auch für Prozesse funktionieren, die kontinuierlich laufen oder nur bei hoher Auslastung wirtschaftlich sind.
Der Maßstab bleibt: Energie muss sicher, bezahlbar und kalkulierbar verfügbar sein. Flexibilität kann ergänzen – sie darf weder zur Voraussetzung industrieller Wettbewerbsfähigkeit werden noch Versorgungssicherheit ersetzen.
Pressekontakt: Andrea Thoma-Böck · Präsidentin · IZW – Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland e. V. · info@zukunft-wirtschaft.de
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